Der Kunstverein Siegen ist mit dem WESTSTERN-Förderpreis 2026 in der Kategorie Jahresprogramm ausgezeichnet worden. Der mit 40.000 Euro dotierte Preis wurde am 5. September im Rahmen der DC Open in Köln verliehen. Ausgezeichnet wurde das unter der künstlerischen Leitung von Jennifer Cierlitza entwickelte Jahresprogramm "Stadt - Öffentlichkeit - Teilhabe: Kunst im Kontext urbaner Transformation". Die Jury hebt die "außergewöhnliche Qualität der Arbeit des Kunstvereins Siegen" hervor und würdigt ein konsequentes und innovatives kuratorisches Konzept, das künstlerische Qualität, thematische Tiefe und stadtgesellschaftliche Relevanz miteinander verbindet.
"Wir freuen uns sehr über den Preis. Die Auszeichnung ist eine besondere Anerkennung unserer Arbeit der vergangenen Jahre und bestärkt uns darin, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen", sagt Jennifer Cierlitza, Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Kunstvereins Siegen.
Das ausgezeichnete Jahresprogramm fragt, wie zeitgenössische Kunst auf die räumlichen, sozialen und ökonomischen Veränderungen Siegens reagieren kann - und welche Rolle ein Kunstverein dabei selbst einnehmen kann. Ausstellungen im Haus Seel werden mit Projekten verbunden, die sich über die Stadt verteilen: in leerstehenden Gebäuden, auf der Straße, im Hübbelbummler oder in einem Schaufenster. Dabei greifen die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler konkrete Themen der Stadt auf - von Stadtentwicklung und Architektur über Leerstand bis zu gesellschaftlichem Wandel - und zeigen, wie vertraute Orte neue Erlebnisräume werden können.
Das Karstadt-Gebäude wird zum Ort für Kunst und Austausch
Besonders hervorgehoben wird von der Jury die Ausstellung '_ _ _STADT' im ehemaligen Karstadt-Gebäude in der Siegener Innenstadt, die im Frühsommer zu Ende ging. Internationale Künstlerinnen und Künstler reagierten auf die Geschichte und Gegenwart des Ortes und beschäftigten sich mit Fragen von Leerstand, Stadtentwicklung und gesellschaftlichem Wandel. In Kooperation mit der Neuen Architekturschule Siegen (N_AS) der Universität Siegen entstand so temporär ein Ausstellungs- und Forschungsraum mitten in der Innenstadt.
Mehr als 2.000 Menschen besuchten während der Ausstellung das ehemalige Kaufhaus. Viele kamen zunächst aus Neugier auf den Ort oder aufgrund persönlicher Erinnerungen an das ehemalige Kaufhaus - und fanden darüber einen Zugang zur Ausstellung. '_ _ _STADT' wurde so zum vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Treffpunkt der Stadt.
"Die Ausstellung '_ _ _STADT' zeigt, was wir mit unserem Programm erreichen wollen: Der Leerstand war Ausgangspunkt für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Wandel der Innenstadt. Gleichzeitig konnten viele Menschen einen Ort wieder betreten, mit dem sie ganz persönliche Erinnerungen verbinden, und ihn für einen Moment völlig neu erleben", so Cierlitza.
Auch die Jury hebt die Öffnung des Kunstvereins in die Stadtgesellschaft hervor. Dr. Barbara Hess, Jurorin des WESTSTERN-Förderpreises, erklärt: "Der Kunstverein Siegen hat sich mit seinem breit gefächerten Jahresprogramm erfolgreich für die Stadtgesellschaft geöffnet. Vor allem die Ausstellung '_ _ _STADT' hat gezeigt, wie ein leerstehendes Kaufhaus zu einem Ort der Kunst und des Austauschs werden kann." Mit seiner Arbeit stehe der Kunstverein exemplarisch für eine "Strahlkraft, die weit über die Stadt hinauswirkt - in die Region, in die Kunstwelt, in die Gesellschaft".
Die Stadt als Ausstellungs- und Handlungsraum
Neben '_ _ _STADT' gehören Formate wie die Siegener City Walks und Hübbelbummler-Touren, das Ausstellungsfenster Satellit im ehemaligen Karstadt Gebäude sowie der Salon zum ausgezeichneten Jahresprogramm. Mit den City Walks und dem historischen Doppeldeckerbus wird die Stadt selbst zum Ort künstlerischer Erkundungen; Satellit schafft seit 2025 eine kontinuierliche Präsenz zeitgenössischer Kunst im Leerstand. Der Salon wiederum bringt Gäste aus Kunst, Architektur und Stadtentwicklung an einer gemeinsam mit dem Berliner Kollektiv Raumlabor entwickelten Bar zusammen. Gemeinsam verbinden die Formate Ausstellung, Vermittlung, Stadtraum und öffentliche Debatte.
Auch die Ausstellungen im Haus Seel greifen Fragen von Raum und gesellschaftlicher Veränderung aus unterschiedlichen Perspektiven auf. Mit "Ranch" zeigte das Künstlerduo Jacent seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland und verband dabei bäuerliche Traditionen und die industrielle Geschichte der Region mit internationalen Perspektiven. Die Gruppenausstellung "Der Paravent ist ein Objekt des Dazwischen" mit Kasia Fudakowski, David Douard und Georgina Hill untersuchte Raum als veränderliches und sozial hergestelltes Gefüge.
Aktuell wird diese Auseinandersetzung mit Stadt und ihren Strukturen in der Ausstellung "Verplant" von Julian Irlinger fortgeführt. Mit Film, Skulptur und Archivrecherche untersucht Irlinger die Bildsprache von Planung und Nachkriegsmoderne und fragt danach, wie Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung und Fortschritt bis in die Gegenwart fortwirken.
Die mit dem Preis verbundenen 40.000 Euro eröffnen dem Kunstverein neue Spielräume für die Weiterentwicklung seiner Arbeit. "Der Preis gibt uns die Möglichkeit, weiterzudenken und auch Dinge zu wagen, die mit unseren regulären Mitteln kaum möglich wären. Und in Siegen und der Region gibt es noch sehr viele Orte, Geschichten und Fragen, die wir gemeinsam mit Künstler:innen erschließen möchten", erläutert Jennifer Cierlitza.
[Pressemitteilung des Kunstvereins Siegen vom 8. September 2026]