Der Rat soll in seiner Sitzung am 30. September 2026 grundsätzlich darüber entscheiden, ob die Entwicklung der seit mehreren Jahren leerstehenden Immobilie weiterverfolgt und die Ansiedlung der Stadtbibliothek in Teilen des Gebäudes konkret vorbereitet werden soll.
Vorgesehen ist, dass die Stadt Flächen im Erdgeschoss und im ersten Untergeschoss mit insgesamt rund 4.500 bis 5.000 Quadratmetern langfristig anmietet. Ein unmittelbarer Kauf des Gebäudes ist derzeit nicht vorgesehen.
"Wir wollen zwei zentrale Herausforderungen der Stadtentwicklung miteinander verbinden: einen seit Jahren prägenden Leerstand in der Oberstadt beenden und gleichzeitig einen modernen Bildungs-, Kultur- und Begegnungsort für die Menschen in Siegen schaffen", erklärt Bürgermeister Tristan Vitt. "Die neue Stadtbibliothek soll dabei weit mehr sein als ein Ort für Bücher. Sie soll Menschen in die Innenstadt bringen, Aufenthaltsqualität schaffen, Lernen und Begegnung ermöglichen und damit auch neue Impulse für Einzelhandel, Gastronomie und weitere Nutzungen setzen. Wenn es gelingt, das ehemalige Karstadt Gebäude dauerhaft zu beleben, kann daraus ein wichtiger Anker für die weitere Entwicklung der Oberstadt entstehen."
Wichtig: Die Entscheidung am 30. September ist noch keine Entscheidung über einen rechtsverbindlichen Mietvertrag. Die Verwaltung soll zunächst den Auftrag erhalten, die Vertragsbedingungen mit der Eigentümergesellschaft auszuhandeln, notwendige Planungsuntersuchungen durchzuführen und die finanziellen Auswirkungen belastbar zu ermitteln.
Kostentransparenz vor endgültiger Entscheidung
Gerade vor dem Hintergrund der derzeit geltenden Haushaltssperre legt die Stadt besonderen Wert auf eine seriöse und vollständige Kostenbetrachtung. Dem Rat soll deshalb im ersten Quartal 2027 eine umfassende Darstellung der finanziellen Auswirkungen vorgelegt werden. Berücksichtigt werden sollen insbesondere die voraussichtlichen Mietaufwendungen, der städtische Investitions- und Ausbauaufwand, der zusätzliche Personalbedarf, laufende Betriebs- und Bewirtschaftungskosten sowie die mittel- und langfristigen Auswirkungen auf den städtischen Haushalt.
Wolfgang Cavelius, Erster Beigeordneter und Kämmerer, betont: "Gerade in unserer derzeitigen finanziellen Situation wäre es falsch, mit vorläufigen oder unvollständigen Zahlen zu arbeiten. Der Rat soll eine belastbare Entscheidungsgrundlage erhalten, in der die finanziellen Auswirkungen abgebildet sind. Dazu gehört nicht nur die Miete, sondern ebenso Investitionen, Personal, Betriebskosten und mögliche Folgekosten. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Kosten des Nicht-Handelns betrachten. Ein dauerhafter Leerstand an dieser zentralen Stelle schwächt die Oberstadt, belastet Handel, Gastronomie und weitere Nutzungen und kann langfristig erhebliche wirtschaftliche Folgeschäden verursachen. Es kann deshalb am Ende deutlich teurer sein, eine solche Schlüsselimmobilie nicht zu entwickeln, als jetzt gezielt in ihre Revitalisierung zu investieren. Aus Sicht der Verwaltung handelt es sich daher um eine bedeutende Stadtentwicklungs- und Wirtschaftsförderungsmaßnahme, die auch haushalterisch eine hohe Priorität verdient."
Erst auf dieser Grundlage soll der Rat im ersten Quartal 2027 über die konkreten Konditionen und einen möglichen Mietvertrag entscheiden.
Auch der für Kultur zuständige Beigeordnete Adrian Viteritti unterstreicht den strategischen Ansatz: "Die Stadtbibliothek benötigt langfristig deutlich mehr Raum, wenn sie den Anforderungen an eine moderne Großstadtbibliothek gerecht werden soll. Gleichzeitig belastet der langjährige Leerstand des ehemaligen Karstadt-Gebäudes die Entwicklung der Oberstadt. Die Verbindung beider Themen eröffnet die Chance, einen neuen Bildungs- und Kulturstandort mit hoher Besucherfrequenz zu schaffen."
Mietmodell reduziert Risiken und beschleunigt Entwicklung
Aus Sicht der Verwaltung ist die Anmietung der Flächen derzeit wirtschaftlicher und schneller umsetzbar als ein unmittelbarer Erwerb der Immobilie. Ein Kauf würde erhebliche Investitionsmittel erfordern und zusätzliche personelle sowie organisatorische Kapazitäten für Entwicklung, Sanierung und Bau binden. Beim vorgesehenen Mietmodell soll die Eigentümergesellschaft dagegen wesentliche Bau-, Fertigstellungs- und Terminrisiken übernehmen und die Flächen als sogenannten veredelten Rohbau zur Verfügung stellen. Die spezifischen Bibliotheksflächen sollen anschließend nach den Anforderungen der Stadt geplant, ausgebaut und gestaltet werden. Den Ausbau übernimmt dann die Stadt Siegen.
"Wir wollen die Immobilie entwickeln, ohne sämtliche wirtschaftlichen und baulichen Risiken vollständig auf die Stadt zu verlagern", erklärt Stadtbaurat Henrik Schumann. "Deshalb halten wir die Anmietung im ersten Schritt für den schnelleren und wirtschaftlich sinnvolleren Weg." Gleichzeitig will sich die Stadt ihre langfristige Handlungsfähigkeit sichern. Bestandteil der Vertragsverhandlungen soll deshalb auch eine Kaufoption beziehungsweise ein mögliches Mietkaufmodell sein: "Wir legen uns heute nicht darauf fest, das Gebäude zu kaufen. Wir wollen uns aber die Möglichkeit erhalten, zu einem späteren Zeitpunkt anders zu entscheiden, wenn dies wirtschaftlich und strategisch sinnvoll ist", so Schumann. "Mit einer Kaufoption verbinden wir wirtschaftliche Vernunft in der Gegenwart mit langfristiger kommunaler Handlungsfähigkeit."
Bibliothek als Impuls für die Oberstadt
Die heutige Stadtbibliothek im KrönchenCenter verfügt über rund 1.200 Quadratmeter und bietet für die Weiterentwicklung zu einer modernen Großstadtbibliothek nur begrenzte Möglichkeiten. Am neuen Standort könnten neben einem erweiterten Medienangebot insbesondere zusätzliche Lern- und Arbeitsplätze, Aufenthalts- und Veranstaltungsflächen, digitale Angebote, barrierefreie Begegnungsräume sowie ergänzende gastronomische Angebote entstehen. Zugleich könnten die bisherigen Bibliotheksflächen im KrönchenCenter perspektivisch für den wachsenden Flächenbedarf des Stadtarchivs genutzt werden.
Mit dem Grundsatzbeschluss am 30. September soll die Verwaltung zunächst die politische Legitimation erhalten, das Projekt konkret weiterzuentwickeln. Eine endgültige vertragliche und finanzielle Bindung der Stadt ist damit noch nicht verbunden.
"Unser Ziel ist eine verantwortungsvolle Entscheidung in zwei Schritten", erklären Bürgermeister Tristan Vitt und der Verwaltungsvorstand. "Am 30. September soll entschieden werden, ob wir diesen Weg grundsätzlich gehen. Im ersten Quartal 2027 wird der Rat dann auf Grundlage belastbarer Planungen, ausgehandelter Vertragsbedingungen und einer vollständigen Kostendarstellung darüber entscheiden zu welchen Konditionen das Projekt umgesetzt wird."