UNIVERSITÄTSSTADT SIEGEN

"kein schaden oder nachtheill von wegen deß sigels" - von einem Siegelschaden und seinen Folgen

Urkunde aus dem Stadtarchiv Siegen, Bestand A, Nr. 2948

Siegel waren im Mittelalter und in die Frühe Neuzeit hinein ein zentrales Beglaubigungsmittel, um Schriftstücken Rechtskraft zu verleihen. Um diesen Zweck zu erfüllen, musste das Siegel allerdings unversehrt sein. Was passierte, wenn ein Siegel schadhaft war, demonstriert eine Episode aus dem Jahr 1572, die im Bestand A (Stadtverwaltung Siegen, bis 1815) des Siegener Stadtarchivs überliefert ist:

Ein gewisser Reymont Reyngot stand in Diensten der Fürstin Anna von Oranien (1544-1577), der zweiten Ehefrau Wilhelms von Oranien. Sein Auftrag aus dem Jahr 1571 ist nicht näher ausgeführt, nur dass er wohl mit dem Rat der Stadt Köln verhandeln sollte. Hierzu erhielt Reyngot eine Vollmacht von der Stadt Siegen ausgestellt, wodurch er offiziell "constituirt und gevolmechtiget" wurde. Nun ergab es sich, dass ein Bote die Vollmacht von Siegen nach Köln brachte. Beim Empfang musste Reymont Reyngot feststellen, dass der "[über]brenger derselber volmacht den durch E[uer] vors[ichtige] W[eisheit] angehenckten ingesigell, ehe ich der volmacht von ime bekommen, wie zu ersehen, geletzt und verquetzt hatt." Der Schaden war derart groß, dass "derselber sigell nit erkent noch agnoscirt [anerkennen, Anmerkung des Verfassers] kunnen werden". Gegenüber den Kölner Ratsherren wie auch in anderen Angelegenheiten konnte Reyngot die Vollmacht daher nicht mehr verwenden, bis das Siegel erneuert wurde. Aus diesem Grund ersuchte er den Siegener Stadtrat, "den Sigell, itzo ahn der volmacht hangent, ab[zu]thun vnd einen newen daran [zu] hangen". Um einer erneuten Beschädigung zuvorzukommen, bat er zudem, das Siegel "in das nun umbangehangent letgen [zu] lägen, damit der sigel nit geletzt noch das wapen nit verdunckelt werde".

Abgesehen von der Unversehrtheit des Siegels ging es folglich darum, das Wappen bzw. das Siegelbild kenntlich zu erhalten, damit eine zweifelsfreie Identifikation der Echtheit möglich war. Reymont Reyngot hatte mit seinem Gesuch einen Verwaltungsakt angestoßen. Dieser war nicht kostenfrei. Die Gebühr sollte der Rat von dem Boten der Bittschrift einfordern und diesem dafür eine Quittung ausstellen, so dass Reyngot bei der Übergabe der neu gesiegelten Vollmacht durch den Boten hierüber auch einen Nachweis erhielt. Das Beispiel mag verdeutlichen, dass bereits in der Frühen Neuzeit formale Kriterien für die Authentizität und Integrität offizieller, rechtlich relevanter Dokumente entscheidend waren.

Signatur: Stadtarchiv Siegen, Bestand A, Nr. 2948

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